1999: Vom Roten Platz an die Newa

Jänner: Russische Weihnacht525134_448306441883281_1710590500_n.jpg16185_439482856098973_705465744_n.jpg1378650_560877923959465_835339987_n.jpg

Vor nunmehr 20 Jahren  …

Autobahnstation Ansfelden: 1999 – Ein grauer Abend in der Woche nach Ostern: Ein rotes, altes Gefährt biegt klappernd auf eine fast leere Asphaltfläche ein und bremst abrupt – der Motor stirbt ab. Aufspringende Türen umstehender Autos spucken im Stakkato Fahrer aus, die sich alle hektisch dem Geschehen nähern. Das Fenster der Ostblockkarre wird herunter gekurbelt und es kommt zur „konspirativen“ Übergabe von Dokumenten in Plastikfolien. In einem Fall wird Geld nachgereicht und gleich gezählt. Manche Fahrer beginnen querfeldein miteinander zu quatschen – man scheint sich lose oder enger zu kennen. Nach fünf Minuten löst sich mit dem Aufheulen des Motors der roten Limousine die Szenerie aus einem eher ruralen Agentenfilm auf. Die Ausstellung der Visa für Russland kann ihren Lauf nehmen  …

chimky.JPGJuni 99: Die Aeroflot-Maschine landet weich am Flughafen Moskau-Scheremetjewo. Es war der Einladung durch die russischen Filmer geschuldet, dass sich die strikten Einreiseformalitäten nur auf das Zeigen des Passes beschränkten und man sich so bereits nach wenigen Minuten im Bus auf der Höhe von Chimki befand. Auffällig hier direkt am Stadtrand von Moskau das Jeschi-Denkmal:  Jeschi (auch Protiwotankowye jeschi; russisch: Противотанковые ежи  für Panzerabwehrrigel) Das 1966 eröffnete Denkmal liegt bei Kilometer 23 (gemessen ab dem Stadtzentrum Moskau) der breiten Leningrader Chaussee und markiert den der russischen Hauptstadt nächstgelegenen Ort, den Teile der deutschen Wehrmacht am 2. Dezember 1941 bei ihrem Vorstoß auf Moskau erreicht hatte. Nur ein paar Offiziere eines Erkundungstrupps haben von hier die Zwiebeltürme des Kreml gesehen – durchs Scherenfernrohr …  und damit war dann ihr Wahn vom „Schrebergarten im Ural“ auch schon wieder ausgeträumt (- Zitat frei nach „Bockerer“ -alias Mundl)  …

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Besagter Bus brachte die Filmer-Community ins zentral neben dem Stadion gelegene Hotel Yunost. Noch am ersten Abend drängten zwei der österreichischen Filmer die Gastgeber ihnen die Möglichkeit eines Besuchs des Roten Platzes zu eröffnen. „Keine Alleingänge – wesentlich zu gefährlich“ –  also mit 2 Taxis in die Moskauer Nacht zur Basilius-Kathedrale. Dort ging es dann per pedes mit den beiden Taxlern fünf Meter dahinter als Security weiter vorbei am Lenin-Mausoleum, den dunklen Nadelhölzern, die dort Spalier bildeten und dem Kaufhaus GUM bis zum Manege-Platz und dem Grabmal des unbekannten Soldaten – unglaublich stimmige, gewaltige Bilder, die sich erst bei der Rückfahrt ins Hotel wieder langsam auflösten  … Vor dem Hotel grimmige Wachmannschaften mit Waffen in den Händen  …1012623_519552434758681_1921390110_n.jpg1175071_545749892138935_1745111906_n.jpgLomonossow.JPGMo.JPGAm nächsten Morgen gings zur Lomonossow UNI direkt über der Moskwa auf der anderen Seite – ein gewaltiger Anblick mit einer Aussichtsterrasse an der etwas vorgelagerten Straße, über die dann, diesmal am helllichten Vormittag, ein weiteres Mal der Rote Platz frequentiert wurde. Diesmal waren man wesentlich näher am Lenin-Mausoleum dran und wagte sich in den inneren Kreml-Bezirk vor, wo ein Übertreten des Mittelstreifens der Besucherstraßen mit lauten Pfiffen und Befehlen gemaßregelt wurde. Unser deutscher Gast Dr. Ludwig kaufte am Platz vor dem berühmten Gum in nur wenigen Minuten alle verfügbaren Russenmützen, um sie anschließend auch an Passanten weiterzuverschenken. Ähnlich gestaltete sich sein Besuch in der Filmakademie, wo er einer Studentin zu einer Summe ein Bild abkaufte mit der er sie für mindestens 2 Semester aller finanzieller Sorgen enthob. Hier im altehrwürdigen Institut für Kinematographie sorgte dies für gehörige Verwirrung – 1919 von Wladimir Gardin gegründet handelt es sich um die älteste Filmhochschule weltweit. Berühmte Lehrer waren dort einst tätig – u. a.  Sergei Eisenstein oder Lew Kuleschow. Ein Besuch in den Synchronstudios und bei einer Probe der engagierten Schauspielabteilung rundeten dieses Filetstück unseres Moskauaufenthalts ab  …391022_499464340100824_1006979884_n.jpg222568_432837283430197_2097824295_n.jpg1382303_559669097413681_2127693833_n68_1280.jpgDurch weite Waldstücke gelangten wir an einem Nachmittag nach Sagorsk – sprich ins Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad. Mehrere Stunden wandelten wir durch das Areal der weitläufigen Anlage hier im Nordosten Moskaus. Einzigartig: Das hektische Treiben im Inneren der Hauptkirche – hier wurde zentral auf einer Art Marktplatz neben Betenden laut verhandelt, gebügelt, gesungen und gegessen. Es wurden Waren angeboten, Kleintiere gesegnet und verkauft. Popen in langen schwarzen Gewändern kamen und gingen, zogen sich um und verschwanden hinter goldenen Türen. Überhaupt war dieser ausufernde Raum, der sich nach hinten im Dunkel auflöste, prächtig und bestand größtenteils aus Ikonenmalerei, wie schon die Kirchen im Kreml – würde man dort im ehemals kommunistischen & heutigen, russischen Machtzentrum wohl eher so nicht vermuten  …16_1280.jpg

18518_434914906555768_1229028037_n.jpgWieder angekommen in Moskau gab es einige gewagte „Selbstversuche“ die Stadt mit der Metro zu erkunden – nicht einfach für Unkundige der zyrillischen Schriftzeichen. Nur 2 Möglichkeiten gab es da für den Unbedarften: Entweder wie schon in der ersten Nacht gemeinsam mit dem „Schul-Kollegen“ Richard dem Schlauen aufzubrechen, oder aber sich das Schild Roter Platz (Красная площадь) einzuprägen und mit richtigem Stationen-zählen ganz allein den Ausstieg in Hotelnähe schaffen. Hilfreich war dabei auch die doch sehr unterschiedliche Ausgestaltung dieser U-Bahn-Prunk-Hallen mit Mosaiken, Statuen bis hin zu Luster-artigen Lampen  …

Roter Pfeil.JPGUnd dann raste der Nachtzug – früher: „Roter PfeilKrasnaja Strela (Красная Стрела) – in die Stadt von Peter den Großen – in jedem Wagon befand sich ein dampfender Samowar  …  Doch statt eines Frühstücks gabs noch im Morgengrauen die freudige Begrüßung durch die Filmer von St. Petersburg – verbunden mit einer raschen Fahrt ins Quartier und dem Versprechen baldiger Labung im Offizierskasino direkt neben der Peter & Paul-Festung an der Newa (Нева)  …moskau-und-st-petersburg-peter-paul-festung-159908507.jpgStpetersburg_165.jpg

Ein Postsowietisches Hotel an einer breiten Ausfallstraße in der Nähe eines Parks – hier wurde in einem Holzanbau nicht nur genächtigt, hier gabs auch günstigen Kaviar und dankenswerter Weise (angesichts russischer Dimensionen) eine eher nahe U-Bahnstation: Metro Petersburg: Man steht vor einer Wand hört die U-Bahn einfahren – plötzlich öffnen sich Türen in der Wand – Leute steigen aus und ein – die Wand schließt sich und dahinter setzt sich die Metro in Bewegung. Wenig später war man beim Literatur-Cafe am Nevsky Prospekt oder an einem der vielen, nun touristisch erschlossenen Kanälen der Stadt. Am Vortag noch im Mariinsky bei Tschaikowskys Schwanensee und nun in einem der gepflegtesten Kinderfilmstudios, wo mit Legetrick gearbeitet wurde. Mentor Dr. Ludwig beglückt die junge Crew mit einer Einladung ins frisch eröffnete Mc Donald’s.

Tschaikowsky – Genie und Wahnsinn ist ein britischer Spielfilm aus dem Jahr 1970.             Er behandelt das Leben des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowsky               Regie: Ken Russell.

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Weiße Nächte Petersburg – das bedeutet rund um die 2. Juni-Hälfte bis zu 19 Stunden Tag. – Unter diesem Titel existiert in der Stadt aber auch ein feines, für alle offenes Filmfestival …  „Isoldens Oden an die Nacht“ (kurz davor zum Staatsmeister in Innsbruck gekürt) und andere Fadi-Videos liefen hier vorher und danach  …

DSCN5363.JPGDSCN5160Hinterhof: Ein Gitter geht auf, Cafe-Tische werden entfernt, in einem Saal entrollt sich eine Leinwand, Sesselreihen entstehen neu, Durchsagen über trichterförmige Lautsprecher, es wird dunkel, zwei Stunden Kurz-Film sind angesagt  … Es wird hell, Durchsagen – die Gruppe wird sanft hinausbugsiert – Wer aufsteht, dem wird der Sessel unter dem Hintern weggezogen – noch in Hinausgehen hat sich das „Kino“ in einen Nachtklub verwandelt – das Scherengitter schließt sich  …  Die Gruppe begibt sich in einen Seminarraum – Große Schachteln: Wodka wird ausgepackt, russische Musik eingespielt. Der einzige Antialkoholiker verlässt die „Fete“ (- beim Abflug hatten ihn die Russen endgültig aufgegeben und auch mit Cola zugeprostet …) und möchte die Umgebung „erkunden“ – der Bus kommt ja erst in etwa einer halben Stunde – Nach dem 3. komplett identischen Plattenbau: Abbruch des Projekts, da die Chance nicht mehr zur Gruppe zurückzufinden mit jedem Meter der Entfernung quadratisch zunahm …

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Am Weg nach Peterhof kam man mit dem Bus vorbei an jener Stelle, wo bereits am 7. September 1941 das Leid für Leningrad seinen Ausgang nahm, als 1. deutsche Panzer vor der Stadt eintrafen – direkt an der Endstation der russischen Straßenbahn bei Urizk (- heute Siedlung bzw. Munizipaler Kreis Urick des Rajons Krasnoje Selo)  …  siehe: „Die Tragödie von Leningrad“  (Urizk – Seite 3 – „Der Beginn“)strelna.JPGUnweit davon am Meer gelegen: Das 99 noch immer vom Krieg gezeichnete Anwesen Strelna – halb verfallen präsentierte sich der Palast in der Morgensonne – hier hatte sich die Deutsche Wehrmacht zwischen Leningrad und Oranienbaum (Lomonossow) festgekrallt. So wie auf der anderen Seite der Stadt am Ladoga-See bei Schlüsselburg – um sie auszuhungern  …

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Schostakowitsch (als Feuerwehrmann) auf die Titelseite des Time Magazins

Während der Belagerung entsteht u. a. hier die Leningrader Sinfonie als Zeichen des ungebrochenen Überlebenswillens – Komponist Dimitri Schostakowitsch wurde so zum Helden – Legendäres Konzert in Leningrad am 9. August 1942  …

Zeugenaussage ist ein Biographischer Film (T. Palmer) aus dem Jahr 1988 und hat das Leben und Wirken des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch (gelitten) unter Josef Stalin (u. a. in Form einer Gegenüberstellung) zum Thema

peterhof-1.jpgPeterhof präsentiert sich wie ein übergroßes,  langgestrecktes „Bayrisches Linderhof“ mit noch wesentlich prächtigeren Kaskaden und nicht neben Oberammergau, sondern an der Ostsee am westlichen großen Tor Russlands gelegen. Nicht nur die üppigen Wasserspiele, sondern die gesamte Anlage ließ sofort das Bild Ludwig des II. vorm geistigen Auge entstehen – dieses kleine Weltwunder war 41 bis 44 den heftigsten Kampfhandlungen rund um Leningrad ganz unmittelbar ausgesetzt  …

„Ras-Putin“ tanzt in Puschkin

Das nächste Ziel der österreichischen Filmer war im Süden der Stadt zu finden: Puschkin (russisch: Пушкин; bis 1918 Царское Село, Zarskoje Selo (Zarendorf) Später: Krasnoje Selo (russisch für Schönes Dorf) mit dem Jekaterinen– Palais …

katharinenpalast selo.JPGIm Katharinenpalast konnte damals 1999 ein nur unvollständiges Bernsteinzimmer besucht werden. Erst in den 2000ern wurde es vervollständigt. Bevor es aber in Fußbodenschonern durchs Palais ging, musste einem recht dringlichen Wunsch der Russen nachgekommen werden:  Als der Bus   die Türen öffnete ertönte Musik – eine uniformierte Kapelle in alter Tracht hatte am Parkplatz Aufstellung genommen und beschloss nach der Begrüßung einen Wegzoll: Durchlass erst nach einem getanzten Walzer – Österreicher müssen das können  …  Nach 13 Jahren Balldirektion war es unumgänglich sich für die Gruppe zu opfern. Schon nach den ersten Drehungen des Blog-Autors mit Austro-Russin Larissa rief der enthusiasmierte Delegationsleiter der Petersburger Filmer begeistert: Ras-Putin tanzt wieder !“

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Am nächsten Tag ging es mit einer Kiste Russen- Cola in Richtung Flughafen, wo eine umgebaute alte Tupolew auf  die Österreicher wartete – der Verschlag für den „Bombenwerfer“ war noch zu erahnen – dazu Stewardessen (Matroschkas wie nach einer Bauvorlage), die nach etwas verspätetem Eintreffen des einzigen First-Class -Passagiers mit einem „Duschvorhang“ am Mittelgang den Beginn des zweitklassigen Areals markierten und trotz des bevorstehenden, ausschließlichen Überlandflugs mit Schwimmbewegungen laut gestikulierend ihre schicken Rettungswesten propagierten – angesichts einer möglichen Wasserung im Neusiedlersee …  Nach zwei Extrarunden über Schwechat (– wegen zu früher Ankunft – bedingt durch Rückenwind) und einer eigenen Gangway für den einzigen „erstklassigen“ Gast war für die österreichischen Filmer Abspann & Abschied angesagt  …

Manfred Pilsz

Hinweis nur für „Digital Naives“: Worte dieser Farbgebung verstecken Infos, Bilder … , die durch einen linken „Maus-Klick“  aktiviert werden können !

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