HELD AUS DEM TRAFO – Bayreuth 2018

Was bringt den Leipziger Maler Leo Rauch und dessen Frau Rosa Loy dazu ihren Bayreuther Lohengrin in Bühnenbild und Kostümen „Blau“ auszustatten? Nun, die Synästheten Thomas Mann und Wagners Lebensabschnittsapostel Friedrich Nietzsche hatten wie Rauch bei dieser Musik die Assoziation „Blau“ – untermauert durch Wagners Begleit-Schrift aus dem Jahre 1853 zum Vorspiel der Grals-Oper: „Und im hellsten Licht des blauen Himmels verschwinden nun die Engel, so, wie sie sich zu Beginn genaht hatten“

Bayreuth 2018 aBayreuth 2018 b

Beim Bayreuther Lohengrin 2018 passiert allerdings gerade beim Vorspiel von dem sich diese Farb-Empfindungen herleiten optisch genau gar nix ! Das „Blaue vom Himmel“ zeigt sich erstmals in der folgenden Szene in der König Heinrich in der Aufmachung eines tapferen Schneiderleins auf versprengten Porzellanisolatoren vor einem verschmorten Teil (Gerichts-Linde?) im „Auenland“ an der Schelde (?) vor einem nicht (mehr) intakten Trafo bei Zähler-Stand Null zu Gericht sitzt – Perfekt in Spiel und Stimmführung der oft bewährte Georg Zeppenfeld . Das Bühnenbild (- ein Stimm-tragender Rundhorizont) nährt dabei gewisse Gedanken an flämische Malerei des 17. Jahrhunderts, allerdings mit einem inhaltlich kontrastierenden Interieur surrealer Wirkung, wie beispielsweise einem alten, aufgelassenen Umspannwerk. Romantik trifft auf Technik …  Metropolis-Ästhetik erscheint im Land „Blauen Blume“ …  Wer käme bei dieser obigen Beschreibung (ohne Einleitung) sofort auf die Idee, es könnte sich um Lohengrin handeln. „Elektra“ wäre namentlich wohl eher angesagt. Spätestens beim dreifachen Heroldsruf wäre man sicher beim richtigen Richard gelandet, wenngleich dieser diesmal eigentlich bereits deutlich vor den Festspielen laut erschallte:

 Wer hier im Gotteskampf zu „singen“ kam
für Elsa von „Bayreuth“, der trete vor,
der trete vor!

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JA an der Elbe – NEIN am Main

 Beim ersten Ruf von Maestro Thielemann beließen es Anna Netrebko und Piotr Beczala bei einer Elb-Erscheinung in Dresden. Man reüssierte zwar vor begeistertem Publikum in der Sächsischen Semper-Oper, aber Bayreuth 2018 wurde von den beiden Stars vorerst negiert, zumal man sich sprachlich nicht genug firm wähnte.

Beim 2. Ruf kniff 3 Wochen vor der Premiere Roberto Alagna – Ihm fehlte der III. Akt & auch ihm mangelt es an Deutsch-Kenntnissen. In früheren nicht so „trüben Tagen“ wäre in solchen Fällen ein ohnehin am Grünen Hügel die Walküre dirigierender Domingo spontan eingesprungen, aber heutzutage müsste man da schon einen ordentlichen Mangel an Telramund haben …

 „Siegreicher Mut“

 Der 3. Ruf spülte mit leichter Verzögerung nun doch Piotr Beczala am roten Main ans Land. So im Festspielbezirk angelangt, hatte er gerade mal drei Wochen Zeit sich in der heurigen Bayreuther Neuinszenierung mittels intensiver Proben einzugewöhnen – ein mutig, hehres Unterfangen. Als ihn einst der Schwan zur Karriere abholte war seine erste Station das Landestheater Linz. Hier sang er  u. a. den Werther, Belmonte (Die Entführung aus dem Serail) oder Lenski (Eugen Onegin) …

2019 soll Anna Netrebko mit ihm am Hügel mindestens 2x die Elsa geben …   Zum heurigen Auftakt war es die geniale Anja Harteros, die den „Retter von Bayreuth“ mit seinem italienischen Charisma in der Stimme erfolgreich herbei flehte.

Neo Rauch taucht Bühnenbild von Lohengrin in Blau  Bayreuther Festspiele.jpg

WAGNER AUS DER STECKDOSE

                      „Er ist der geheimnisvolle Fremde, der auch der Künstler sein könnte.                                                                      Ein Energielieferant, der am Ende scheitert“

Obiges Zitat stammt von Neo Rauch – Sein Lohengrin trägt eine Montur, die ein Elektriker in den 30er Jahren hätte tragen können. Nach Neuenfels´ „Rattengrin“ der letzten Bayreuther Schwanenritter-Inszenierung (auf Ratten) heuer also ein „Free Electric Man“im „Blaumann“ – Zum Jubiläum der Bayreuther Bühnenelektrik 1888 (?)

Er kam mit seinem „Ars Electronica-Schwan“, sah die leeren Akkus des flügellahmen Elfenvolks der Brabanter und siegte im Luftkampf als Ritter des Digitalen gegen den recht analogen Telramund, dem er dabei seinen Rechten Flügel kappte – eine insgesamt sehr kindliche Bühnenlösung (Märchen wäre hier eine billige „Ausrede“ / Anime eine glatte Übertreibung) – Die Regie schafft es auch immer wieder nicht nur technisch absolut illusionsbefreite Szenen-Übergänge zu kreieren … (Wechsel bei vollem Licht)

Christian Thielemann komplettiert mit seinem vorzüglichen Lohengrin-Dirigat den vollen Kanon der am „Grünen Hügel“ üblichen 10 Werke. Nach Felix Mottl (1856 bis 1911) ist er der Einzige, der das bis dato geschafft hat. Nur bei Chor/Solisten-Ensemble am Schluss des ersten Akts wirkte die „Apotheose“ musikalisch wenig homogen und drohte zu zerflattern …

Über dem Nachtstück des 2. Akts liegt die Nesselvorhang –Projektion Rauchs wie Elektro-Smog. Der Trafo wird in der Folge zum Techno-Tempel. Manchmal (speziell im 3. Akt) etwas schrill, die sonst perfekte, in ihrer Karriere leider letzte Ortrud Waltraud Meiers.

O r t r u d  f i r s t: „Entweihte Götter“

1993 war sie die Isolde in jener Heiner Müllers Tristan-Inszenierung, die jetzt im Herbst im Linzer Musiktheater zu erleben ist. Sie vermisst heftig die gute, alte Bayreuther Atmosphäre: Als man sich noch ohne Probleme ganz familiär zu einer Orchesterprobe im Festspielhaus jederzeit einfinden konnte – heute ist das Gebäude ein Hochsicherheitstrakt …  und Waltraud Meier eine Idealbesetzung wie eh und je …

Es folgte fast „Regie-befreit“ die „Münster-Szene“ – sprich: Trafo mit orangem „Vorzelt“ (Oranje ?)  30 Minuten lang werden zum hochzeitlichen Interruptus Blumen gestreut. Das entsprach  nicht unbedingt den Ansprüchen, die man an die Regie eines Achim Freyer Schülers Yuval Sharon stellen darf. Hatte er doch 2016 Erfolg an der Wiener Staatsoper mit Péter Eötvös’ „Tri Sestri“. Der Probelauf für Bayreuth war die Walküre in Karlsruhe.

„Tesla-grin“

Im III. Akt holte die Regie auch noch die „Me-too“-Debatte ins schon schwankende Schwanenboot: Die Liebesnacht mit dem hinreißend gesungenem Duett von Elsa und ihrem Ritter findet elektrisch aufgeladen („Sei meines Herzens Glühen nah“) im Trafo-Häuschen statt, mit einer „Kabel-Fesselung“ Elsas – spätestens hier brennen die inszenatorischen Sicherungen durch   (- garniert mit einem kurzen Stromausfall bei Vorstellung 2 der Serie) – Der nicht geerdete Telramund verbrutzelt ante portas …  „Motten-grin“ legt die Flügel ab, die man ihm zwecks Integration im Elfenreich verpasst hatte, deklariert sich souverän mit einer 1A-Gralserzählung inklusive verglimmender Chor-Deko (Glühwürmchenstandarten geht langsam der Saft aus). Die mittlerweile nicht mehr blaue, sondern orange Elsa bekommt für Bruder Gottfried einen farblich abgestimmten mit Horn, Ring und Schwert ausgestatteten „Schulranzen“ umgehängt, bevor dieser als Inkarnation des seligen Raumflugschwans in Gestalt eines putzig elektrifizierten Grünen Männchens (neue Farbe) die Bühnenmitte erleuchtet. Vom Outfit bestens qualifiziert als kleiner grüner Kaktus von Brabant wird er von der großen Schwester Hand in Hand in den Kindergarten der Umsetzungen gebracht – auch die Kugeln aus der „Mottenkiste“ dürften nun Wirkung zeigen: Alle strecken endgültig die Flügel …  und wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie in diesem Ambiente auch nächstes Jahr wieder so herrlich – und allein dafür zahlt es sich schon aus !

Edle „Leihgaben“ unseres Musiktheaters

Neben „Lohengrin für die Kleinen“ gabs auch noch R. Strauss für Erwachsene mit 2 aus dem derzeitigen Linzer Musiktheater-Ensemble: Matthäus Schmidlechner und Mathias Frey agierten ganz hervorragend im Judenquintett der sensationellen „Salome“ an der Salzach – unter der formidablen Stabführung von Franz Welser-Möst („Global-Linzer“) Herzlichen Glückwunsch

 Zwei „Linzer“ in Bayreuth:

Neben dem „Linzer“ Piotr Beczala war Stephen Gould, der mit seinem fabelhaften
Tannhäuser an der OÖ. Donau seine Wagner-Karriere begann, am Grünen Hügel vertreten. Auch heuer reüssierte er wieder als Bayreuther Tristan und als gefeierter Siegmund in der „Domingo-Walküre“. Apropos Dirigat – Es ist kein Greis im grauen Gewand, wenn gleich es manchmal etwas müde, extrem langsam und leise daher kommt … Gefühl für Sänger ist angesagt. Schluss des 1. und Beginn des 2. Aufzugs verliefen nicht ganz friktionsfrei, was auch das Publikum mit einem doch leichten Schlussmurren kund tat. Hauptproblem war aber sicher das Ankämpfen gegen Castorfs Bilder und sinnentleerte Bühnenaktionen: Russische SW-Propagandafilme an jeder nur unpassenden Stelle („Wotans Abschied“ mit Zündschnur & deplaziert frühem „Feuerzauber“ ), marode Erdölpumpen, die sich asynchron ins Geschehen reklamieren – Regie, die weder der Musik, noch der Wagnerschen Dramaturgie vertraut  – eine „Dekonstruktion“ ohne die Konstruktion je verinnerlicht zu haben … Es sei hier ein Zitat der Regie bemüht: Da kriege ich das Kotzen !

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Dagegen und mit 34 Grad Außentemperatur im Backofen Festspielhaus hatte der Maestro zu kämpfen – als passenden „Höhepunkt“ gabs von der Regie noch eine brennende Riesentonne als wärmenden Flammenring – „Hundstage in Bayreuth“ – Nur eines will ich noch: Das Ende !

launchy-view-1374505742878_1374512948029810.jpg– Und Wotan wurde erhört: Man stieg heuer nur noch in den rudimentären „Baku-Rest-RING“ von Frank Castorf (Rohöl-gold, Crocodile Siegie und Odessa-dämmerung waren bereits eingemottet) – der zeitlose, Ideologie-offene Revoluzzer Wagner wird es zu danken wissen …

Manfred Pilsz

Wetterzauber.JPGGanz wesentlich am Hügel indoor : Donners „Wetterzauber-Fächer“ 

Klimaerwärmung oder doch ein Irrtum:

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PS.: Die 1. Festspiele ohne den viel zu früh verstorbenen Karikaturisten Klaus Häring

25-04-2018 10;26;20.jpgwalhalla heute.jpg… grüß auch die holden Wunschschesmädchen …

Hinweis nur für „Digital Naives“: Worte dieser Farbgebung verstecken Infos, Bilder … , die durch einen linken „Maus-Klick“  aktiviert werden können !

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