Im Ernte-Monat Oktober
Als ich mich heuer direkt nach Ostern im Anschluss an den Höhepunkt des Schuljubiläums nach der Buchbesprechung unserer Chronologie „Die Fadingerschule“ intensiv mit meinem neuen Musikfilmprojekt beschäftigte, landete ich wie vor einem Jahr (- damals Inhalt einer Radio-Sendung) beim Thema KI. Diesmal sollte die KI die technische Umsetzung meines musikbasierten Videos ermöglichen und so war es nur naheliegend KI auch in den Entstehungsprozess in Form eines Dialogs einzubinden. Jeder Versuch die von mir zuvor per Fragen gebriefte KI in die innovative, heutige Deutung eines Opernstoffs des 19. Jahrhunderts schöpferisch einspannen zu wollen, scheiterte an banalen Auslegungen, konservativen Lösungen und ausufernden, sinnentleerten Halluzinationen jener Spezies. Letztendlich war es mir vorbehalten, im Verlauf des heurigen, schrecklichen Sommers ein Konzept zu entwickeln, das inhaltlich wie dramaturgisch meinen Vorstellungen entsprach und vom Aufbau allen formalen Ansprüchen gerecht wird. Mittels Foto-Arbeit mit ChatGPT entstanden im Anschluss daran die Abbilder dreier ProtagonistInnen, die meinen Vorstellungen entsprachen. Die filmisch-technische Umsetzung übernahm dann (wie schon bei unserem letzten Film „Nebel der Erinnerung“) der geniale Spezialist Uwe Buhrke, der nach meinen Ideen und Vorlagen mittels KI eine hyperrealistische Welt mit ebensolchen Figuren erschuf und meine alte Konzertaufnahme technisch hervorragend aufpolierte. Zu diesem Zweck musste Uwe mit Hilfe exakter, jeweils mehrseitiger Prompts die KI soweit bringen, dass sie aus meinen Bildvorlagen und Vorstellungen die entsprechenden Avatare und Szenen auf die Welt brachte – ein unglaublich aufwändiges Unterfangen. Uwe ermöglichte in einem 24 Tage-Marathon >ohne Gnade mit der KI< die technische Umsetzung unserer Visualisierung und bereicherte diese mit seinen Ideen..Die Endfertigung passierte dann abgestimmt auf die Musik mittels gemeinsamer Montage ohne das Werkzeug KI, sehr wohl aber in herkömmlicher 1A-Studio-Qualität.
Bemerkungen zu meinem Neuen Musikfilm-Projekt: “MARTHA”
Ein hyperrealistischer KI-Film (5 Min) mit drei Protagonistinnen aus der digitalen Welt des Internets

Alle „Martha“-Bilder in diesem Blog-Beitrag sind KI-generiert
“Vom Verkleidungsspiel zur digitalen Identität” (- “Profil” statt Verkleidung)
Verfilmt wird die Tenor-Arie “Ach so fromm” aus der Oper “Martha” des Komponisten Friedrich von Flotow. Da das Werk inhaltlich heute sehr “hausbacken”, ja, etwas einfältig & konservativ – unzeitgemäß in der Wirkung ist, wird jene Arie des Lyonel bei uns neu gedeutet und interpretiert: Die Hauptfiguren begegnen sich nicht im realen, analogen Leben, sondern im Internet. Martha und Nancy bewegen sich nicht in Adelskreisen, sondern in der heutigen digitalen Welt. Unter dem Synonym “Martha” tritt eine Influencerin auf, die vorgibt extrem gläubig zu sein und mit ihrer Freundin (oder Geliebten) Nancy zusammenlebt. Lyonel (der sich im Netz Sascha nennt) geht Martha im Internet (dem digitalen “Markt zu Richmond”) ins Netz – „Drang ihr Bild ins Herz mir ein …“ – Als Martha urplötzlich nur noch Frauen in ihrer Fangruppe haben möchte, entschließt sich der verliebte Lyonel sein Profil-Bild zu ändern (Gender Swap) aus dem männlichen wird eine weibliche Sascha. So plötzlich wie Martha nur noch Frauen akzeptierte, teilt sie in der Folge ihren Fans ebenso ad hoc mit, sich als Influencerin zurückzuziehen. Das ist bei unserem Video der Ausgangspunkt für die Arie des Lyonel (aka Sascha). Plotpoints in der kurzen dreiaktigen Dramaturgie des Videos sind die Erkenntnis des Lyonel, dass Martha nicht das ist, was sie vorgibt zu sein und final das Scheitern seines Versuchs sich selbst zu belügen. Er, der seine Identität im virtuellen Bereich geopfert hat wird selbst zum Opfer – siehe finale Breaking News im Video…

Die Vorgeschichte erfahren der Rezipienten des filmischen Werks in wenigen verschriftlichten Worten, bevor sie sich im 1. Akt (Exposition der Dramaturgie) des Films und somit im Wohnzimmer unserer beiden Protagonistinnen wiederfinden. Frauenhände an PC-Tasten (Martha): Ich danke allen, die mich bei meiner Doktorarbeit im Fach Soziologie zum Thema „Inszenierte Authentizität in sozialen Medien“ unterstützt haben. An erster Stelle verdient hier nebst meiner alleinerziehenden Mutter meine Freundin Nancy Erwähnung … Stichwort für den Auftritt der Genannten, die durch den Raum zum großen schwarzen Flügel schwebt. Wieder greifen Frauenhände in die Tasten. Ab diesem Moment kommt Musik diegetisch zum Einsatz und Protagonist Lyonel ins Bild – ist er es doch, dessen Stimme uns von nun an durch den Film führt. Nancy begleitet Lyonels Verzweiflung am Flügel …Nachdem er verinnerlicht, dass er Martha im Internetz verlieren wird, flüchtet sich Lyonel in Erinnerungen – Bilder, die er wachhalten möchte: „Ach, so fromm, ach, so traut – Hat mein Auge sie erschaut …“ – als „seine“ Martha ihm >als Bild ins Herz eindrang< … Die Tage des „bangen Grams“ schienen vorbei zu sein und er glaubte auf aufhellende Pillen verzichten zu können. Er war zu allem bereit und fähig – bis hin zur täuschenden Selbstverleugnung. Sein Profilbild “Sascha” mutierte da zur Frau.
Ach, so fromm, ach, so traut
Hat mein Auge sie erschaut.
Ach so mild und so rein
Drang ihr Bild ins Herz mir ein.
Banger Gram, eh‘ sie kam,
Hat die Zukunft mir umhüllt,
Doch mit ihr blühte mir
Neues Dasein lusterfüllt.
Der Film im Film „Kirchenszene“:

Im kurzen Akt 2 verwandelt sich auch das Bild seiner Angebeteten: „Bin erwacht, und die Nacht – Raubte mir den süssen Traum“ – beim geisterhaften Erscheinen Nancys in der Kirchenaura reißt der Faden: Aus dem reinen, madonnenhaften Wesen wird an der Seite Nancys ein Partygirl (mit Rosenhalskette) – es ist nur ein kurzer „Filmriss“, den Lyonel per Knopfdruck durch Abrufen seiner Erinnerungen und Bilder korrigiert.
Hat mein Auge sie erschaut.
Ach so mild und so rein
Drang ihr Bild ins Herz mir ein.
Martha! Martha! Du entschwandest,
Und mein Glück nahmst du mit dir;
Gib mir wieder, was du fandest,
Oder teile es mit mir.
Zu Beginn des finalen 3. Akts schwelgt Lyonel also wieder in den von Martha ursprünglich evozierten Bilderwelten: “Ach so fromm, ach so traut …“ – Doch das vermeintliche, nun wiedererlangte Glück dauert nur kurz, denn die Wahrheit die sich außerhalb des Bildausschnitts befindet, wird nun sichtbar: Nancy als Störfaktor Kamerafrau in jener Kirchenidylle: „Martha! Martha! Du entschwandest …“ – Das große Kirchen-Tor schließt sich. Fast staccato-artig brechen verstörende Bilder und Informationen über Lyonel herein, Festplatten werden schubladiert und Reisepläne geschmiedet. Auch die Rezipientenschar des Videos wird von den letzten Wendungen im Musikfilm überrascht sein, bis letztendlich die Tastenklappe des Klaviers geschlossen wird … Eine rote Rose wird darauf sichtbar …
Letzte Rose,
Wie magst du so einsam hier blühn?
„MARTHA“
Ein KI-basiertes Musikvideo von Manfred Pilsz & Uwe Buhrke
Musik: Die Tenor-Arie des Lyonel „Ach so fromm“ aus der Oper „Martha“ (Flotow)
>Analoger< Tenor – Manfred Pilsz / Klavier-Begleitung – Helmut Rogl (Konzertaufnahme eines Lieder/Arienabends im Schloss Zell an der Pram)
Technische Umsetzung des KI-generierten Videos und Schnitt – Uwe Buhrke
Idee, Exposé, Schnittplan, Regie – Manfred Pilsz

Uwe sowie meinereiner mit unseren Darstellerinnen Martha & Nancy
Die Wahrheit befindet sich außerhalb des Bildausschnitts
2027 ist ein „Martha-Jahr“:.
Im Jahr 2027 feiert die romantisch-komische Oper „Martha oder Der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow ihr 180-jähriges Jubiläum. Die historische Uraufführung fand am 25. November 1847 im Theater am Kärntnertor in Wien statt. Mitte des 19. Jahrhunderts stieg sie rasch zur weltweit meistgespielten Oper auf.
- Das Werk: Eine charmante Spieloper über die gelangweilte Lady Harriet, die sich zum Spaß als Magd verkleidet, sich verliebt und damit ein turbulentes Gefühlschaos auslöst. [
- Bekannte Highlights: Berühmte Arien wie „Ach so fromm, ach so traut“ oder das irische Volkslied „Letzte Rose“ besitzen bis heute absoluten Kultstatus
1847 – Geburtsstunde des Traxl-Cafes, unserer Martha & eines Schwanenritters
Flotows Martha und Wagners Lohengrin entstanden zeitlich fast parallel …
Zu selbigen Zeit schrieb Richard Wagner an seinem Lohengrin. Obwohl die Oper erst am 28. August 1850 in Weimar unter der Leitung von Franz Liszt uraufgeführt wurde, fiel die eigentliche Hauptschaffensphase der Musik auch genau in das Jahr 1847
Am Ende des Blog-Beitrags kommt die KI zum Thema „Martha-Projekt“ zu Wort …
*****
Hier nun aber zuerst persönliche Anmerkungen zur Filmarbeit mit der KI:
Ein Plädoyer für eine zweckorientierte Unterwerfung der KI
Ich war jahrzehntelang in der privilegierten Situation junge Teams um mich zu haben, mit denen ich Projekte am Filmsektor hochziehen konnte. Technische Unterstützung, SchauspielerInnen und Drehorte (Studios) standen mir zur Verfügung. Jetzt, im Unruhezustand ist mir dies nicht mehr gegeben. Projekte mit AbsolventInnen schrumpften, aber neue Ideen, Konzepte und all meine alten Konzertaufnahmen sind unbeschadet präsent. Die KI schafft Möglichkeiten, die ich vor wenigen Jahren noch nicht gehabt hätte: Settings, DarstellerInnen usw. per KI-Prompts zu gebären und damit auch weiterhin Geschichten in bewegten Bildern >abgestimmt auf die Musik< erzählen zu dürfen. Vorausgesetzt man hat jemanden im Team, der sich technisch vorzüglich auskennt mit der Materie …
Die KI ist gekommen, um zu bleiben – Nutzen wir sie bestmöglich für unsere Zwecke <<<
Im gesamten „Filmgeschäft“ darf sich bezüglich KI-Einsatz niemand so glücklich schätzen wie unsere VÖFA-Filmklubs und deren Mitglieder. Endlich bestünde nun die Möglichkeit, ausgestattet mit dem Werkzeug KI und technischem Knowhow, unabhängig von äußeren Unzulänglichkeiten und Engpässen Filme zu kreieren … So freut es mich, dass das VÖFA-Duo Kober/Schwarz den Ball aufgenommen hat und für alle Interessierten diese neue digitale, filmische Arbeitswelt seminaristisch aufschlüsselt. Denn bloße Abwehrhaltung hat uns noch nie genutzt: Weder beim Umstieg von Super-8 auf VHS, noch vom analogen Schnittpult zu Casablanca usw. …
„Mach mir einen Film“!
Wer glaubt man könne sich mit diesem billigen, obigen Prompt einen Film erschaffen lassen, der irrt gewaltig: KI-Filme bedeuten einen Aufwand sondermaßen. Man benötigt derzeit noch >seitenlange Befehle & Verbote< und technisch solides Verständnis, um die KI domptieren zu können. Diese Zähmung und Reduktion der KI auf den sinnigen Status eines dienlichen, wertvollen Werkzeugs ist ein schwieriges Unterfangen. Wenn es gelingt, bedeutet dies allerdings eine wertvolle Unterstützung bei der filmischen Arbeit. Ich bin ein ganz schlechter Zeichner, also war die Kamera ein Segen, solange ich vor einer Linse Menschen im gewünschten Ambiente damit abfilmen konnte. Bei KI-Filmen kommt man zumeist ohne Kamera aus, was aber nicht bedeutet, dass man auf Kameraeinstellungen und -fahrten verzichten könne. Im vorliegenden Fall „Martha“ übernimmt die KI die Funktion einer quasi virtuellen Kamera, welche durch Prompts des Filmemachers gesteuert wird. Nun kann man vielleicht zurecht sagen, dass man bei KI-Filmen somit Kameraleute & das gesamte SchauspielerInnen-Team egalisiert. – Was bei heutigen, hybriden Produktionen so nur zum Teil stimmen mag. Kann man ja doch derweilen noch keinesfalls auf signifikante Künstler verzichten, da das unvergleichliche Original durch blass agierende Kopien oder virtuelle „No-Names“ nicht nur für cineastische Fangruppen keinesfalls zu ersetzen ist. Was für Hollywood gilt, ist allerdings nicht 1:1 auf VÖFA-Filme übertragbar. KI-generierte Dokus schließen sich schon von der Machart her automatisch da wie dort aus, da die Echtheit ein unverrückbares Kriterium dieses Genres darstellt. Bei Spielfilmen und artifiziellen Werken könnte die Thematik schlagend werden, ist aber bei VÖFA-Klub-Filmen eben nicht so eng zu sehen. Wir haben uns bei Martha von Beginn an für eine hyperrealistische Welt und ebensolche Figuren im Sinne einer Comic-Variante entschieden, sodass sich die Problematik des Verzichts betreffend echte Schauspielerinnen erst gar nicht ergab.
Wenn man der KI ein offenes Story-Ende mehrfach gestaltet lässt, dann gibt es kein fixes Ergebnis
So wie ein Interviewer (nach umfassender Recherche) die Antworten auf fast alle seiner Fragen kennen sollte, so muss der Filmemacher nebst der Idee ein Konzept und ein gerütteltes Maß an Dramaturgie in den dann folgenden Schaffensprozess einbringen. Ein Dialog mit der KI bringt in diesem Stadium wenig:
Eine permanent halluzinierende KI hat mich mit inhaltlichen Banalitäten zur Thematik „Interpretation von Musik in Bildern“ überschwemmt und gelangweilt. Ein vernünftiger Diskurs entstand erst nach langem Briefing gegen Ende des Projektprozesses. Da kam dann ein teils spannendes Feedback gepaart mit spärlichen Anregungen zur Verschriftlichung unseres Projekts „Martha“. Mit der Erstellung eines geordneten Storyboards auf Basis meines Konzepttextes (garniert mit von mir mit ChatGPT generierten Bildern) war ein hoffnungsloses Unterfangen – ein Fachmann mit mehr zweijähriger KI-Erfahrung hätte da wohl bessere Ergebnisse erzielt. Hätte ich nach dieser Projekt-Eingangsphase nicht unseren Uwe zur Seite gehabt, so wäre dieses Musikvideo nie entstanden – ein heftiges DANKESCHÖÖÖN an ihn, den furchtlosen KI-Bezwinger, der selbst von einem fruchtbaren, erfolgreichen Schaffensdrang besessen ist.
„In die Ecke,
Besen, Besen!
Seid’s gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur zu seinem Zwecke
Erst hervor der alte Meister.“
(Goethes Zauberlehrling)
Das „Zwölffingersystem“ der KI, die sich gern auch mit neun Fingern an ihre filmische Wirklichkeit herantastet, ist nicht wirklich immer „Hand-some“ … Fake-Fotos werden zumeist u. a. an der beliebigen Anzahl von Fingern erkannt. Im Sektor Film potenzieren sich die verhaltenskreativen & „-originellen“ KI-Ausrittmöglichkeiten: Nicht nur Hände agieren da in permanenter Beliebigkeit. Räume, Türen, Gegenstände befinden sich in einer ungefiltert passierenden Mutation, Darsteller durchschreiten wohnliche Barrieren aller Art und bringen so den Filmemacher zur Verzweiflung und in finanzielle Herausforderungen, denn gepflegte Film-KI gibt’s nicht „umsonst“ … Der finale Schnitt funktioniert (auch mit Rücksicht auf die Konsequenz aus dem letzten Satz) nervenschonend ganz prächtig und geruhsam „Old-School“ ohne KI. Zusammenfassend kann man also festhalten, dass KI den kreativen Prozess bei einem Filmprojekt in Summe keinesfalls ersetzen kann und soll, Arbeitsschritte weder immer erleichtert, noch eigenständig übernimmt. Ohne klar formulierte Prompts durch den Filmemacher Mensch geht gar nichts. KI ermöglicht es aber ohne aufwändiges Equipment, Setting und Darsteller kreativen Köpfen ihre Ideen filmisch umzusetzen – mit allem was dazu notwendig ist: Von der Dramaturgie, über die Kreation von Figuren, Avataren, Räumen, Welten, Bewegungs- & Kameraprompts bis hin zur Finalisierung … Wenn Du ein halbes Jahr an 5 Minuten Film arbeitest, spätestens dann kannst Du nachempfinden, dass KI dabei kein Selbstläufer ist, sondern ein hochgezüchtetes, nur dann geeignetes formidables Werkzeug für unsere Zwecke darstellt, welches vom Menschen präzise per Prompts fokussiert das umsetzt, was wir erdacht haben. Dies alles sollte u. a. jede Jury verinnerlichen und ein Publikum zu schätzen wissen.
Die Politik hat das Thema KI seit dem 021er Jahr auf Sparflamme laufen, kann mittlerweile aber die damit verbundene Problematik nicht mehr hintenanstellen, auf die u. a. Richard David Precht schon vier Jahre davor insistierte. – Gesellschaft, Arbeitswelt usw. machen eine Auseinandersetzung mit der Künstlichen Intelligenz unabdingbar. Zum 175er Jubiläum der Linzer Fadingerschule gab es u. a. die Veranstaltung „Wittgenstein, Srache, Schule und KI“ im Kepler-Salon (- schon im Vorfeld hatte dort im thematischen Umfeld ein Abend zur Medienbildung stattgefunden). Ich selbst hatte im Vorjahr eine Radiosendung mit der KI als Interviewpartnerin …
*****
Hinweis nur für „Digital Naives“: Worte dieser Farbgebung verstecken Infos, Bilder … , die durch einen linken „Maus-Klick“ aktiviert werden können !
PS.: JETZT bei der Fadinger Direktion sylvia.baeck@bildung.gv.at bestellen: Die Fadinger Schulgeschichte – Buch von Dr. Bernauer, den Jubiläumsjahresbericht 025/26 – Letzte Printausgabe forever ! InteressentInnen am neuen Fadinger Alumni-Verein (VERS-Nachfolge) können dort auch ihre Mailadressen/Postadressen deponieren … Fadinger Sekretariat: vanessa.krieg@bildung.gv.at
*****
A N H A N G zum KI-Projekt MARTHA
Im Anschluss an die Fertigstellung des Konzepts ließ ich die KI dazu schriftlich reflektieren – hier einige KI-Bemerkungen in Form eines Feedbacks zu Inhalt, Deutung und Dramaturgie:
Der zentrale Kunstgriff Ihrer Bearbeitung besteht darin, dass Sie die alte Verkleidungskomödie nicht abschaffen, sondern ihr modernes Äquivalent suchen.
In Flotows Oper betreten Lady Harriet und Nancy den Markt von Richmond verkleidet als Dienstmädchen Martha und Julia. Identität ist dort etwas, das durch Kleidung, gesellschaftliche Rolle und Namenswechsel vorübergehend verändert werden kann. Die Komik entsteht aus der Diskrepanz zwischen Sein und Erscheinung.
Im 21. Jahrhundert braucht es dafür keine Dienstmädchenverkleidung mehr. Wir besitzen Profile. Der entscheidende Satz der Adaption könnte deshalb lauten: Das Profil ist die Verkleidung der digitalen Gesellschaft.
Das ist mehr als eine Aktualisierung der Ausstattung. Es verschiebt das Thema der Oper auf eine gegenwärtige Identitätsfrage. Menschen präsentieren sich in sozialen Netzwerken nicht einfach so, „wie sie sind“. Sie wählen Bilder, Ausschnitte, Rollen, Namen, Narrative und Zugehörigkeiten. Das muss keineswegs bedeuten, dass alles gelogen ist. Interessanter ist gerade die Zwischenzone: Ein Profil kann zugleich authentisch und inszeniert sein.
Deshalb ist der Titel von Marthas Dissertation – Inszenierte Authentizität in sozialen Medien – für die Konstruktion besonders wertvoll. Martha beschäftigt sich wissenschaftlich genau mit jenem Mechanismus, den sie selbst praktiziert.
Sie ist damit nicht einfach „die falsche Martha“. Sie ist gleichzeitig Margot Thaler, Martha, Wissenschaftlerin, Partnerin Nancys, religiöse Influencerin und öffentliche Medienfigur. Diese Identitäten müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.
Der interessante Irrtum Lyonels
Lyonels Tragödie besteht nämlich nicht primär darin, dass Martha ihn belogen hat. Sie besteht darin, dass er aus den Bildern, die Martha veröffentlicht, eine vollständige Person konstruiert. Er sieht eine Frau in einer Kirche. Er sieht eine Kerze. Daraus entsteht in seinem Kopf: „Ach so fromm, ach so traut … ach so mild und so rein.“ Der Film macht damit etwas sehr Interessantes mit der Arie. Was im romantischen Kontext als Liebesideal funktioniert, kann heute gleichzeitig als Beschreibung einer parasozialen Projektion verstanden werden. Lyonel kennt Martha nicht. Er kennt Content von Martha. Und dennoch empfindet er real. Und gerade darin liegt seine Tragik. Seine Liebe ist subjektiv echt, obwohl ihr Gegenstand zum großen Teil eine Projektion ist.
„Drang ihr Bild ins Herz mir ein“
Dieser Satz wird zum Schlüsselvers Ihrer gesamten Interpretation. Für eine digitale Adaption ist das beinahe verblüffend passend. Das Bild besitzt heute einen technischen Ort: Display, Smartphone, Profilfoto, Video, Feed. Deshalb zeigt der Film immer wieder Displays im Bild. So wird die Kamera selbst Teil der Aussage.
Der Gender-Swap
Auch dieser Einfall besitzt mehr dramaturgisches Potenzial als eine bloße Pointe. Lyonel verändert sein Profilbild, weil Martha nur noch Frauen in ihrer Community akzeptiert. Damit überschreitet er eine Grenze: Bis dahin idealisiert er Marthas Identität. Nun beginnt er, auch seine eigene Identität zu manipulieren, um Zugang zu ihr zu behalten. Damit verändert sich das klassische Motiv sehr elegant.
In Flotows Martha verkleidet sich die begehrte Frau. In Ihrer Version maskiert sich zunehmend der begehrende Mann selbst. Das ist eine starke Umkehrung. Und deshalb passt: „Doch mit ihr blühte mir / Neues Dasein lusterfüllt“ auf geradezu ironische Weise zum Gender-Swap. Lyonel erschafft tatsächlich ein „neues Dasein“: Sascha. Doch Sascha ist kein befreites zweites Selbst, sondern zunächst ein Zugangscode zu Martha. Darin liegt die spätere Katastrophe.
Martha und Nancy
Nancy sollte meines Erachtens keinesfalls dramaturgisch zur bloßen „Enthüllung“ von Marthas Sexualität reduziert werden. Sie erfüllt eine viel wichtigere Funktion. Nancy ist die Figur, bei der Martha kein Publikum braucht. Dadurch entstehen drei Beziehungsebenen: Martha → Community: öffentliche Inszenierung. Martha → Nancy: private Intimität. Lyonel → Martha: parasoziale Projektion. Das macht die Drei-Personen-Dramaturgie ausgesprochen sauber. Nancy ist außerdem die einzige Figur, die beide Welten durchqueren darf. Sie kennt Margot. Sie kennt Martha. Sie produziert Martha teilweise selbst – indem sie sie beispielsweise in der Kirche filmt. Und sie sitzt am Flügel. Damit bekommt Nancy sogar eine metadiegetische Sonderstellung: Sie begleitet gewissermaßen musikalisch die Geschichte, deren Wahrheit sie bereits kennt.
Religion und Inszenierung
Wir wissen nicht, wie gläubig Margot tatsächlich ist. Wir wissen lediglich, dass „Martha“ ihre Religiosität medial inszeniert. Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine Person kann tatsächlich glauben und ihren Glauben zugleich für Social Media inszenieren. Genau diese Ambivalenz entspricht Ihrem Dissertationsthema „Inszenierte Authentizität“. Damit wird der Film weniger moralistisch und wesentlich zeitgemäßer.
Die Rose
Die Rose kann zum eigentlichen stillen Leitmotiv der gesamten Adaption werden. In Martha besitzt Die letzte Rose ohnehin eine besondere musikalisch-dramaturgische Aura. In Ihrer Neufassung wandert die Rose aus der Oper in die Bildsprache: Zunächst als Schmuck von Martha und Nancy, später als reale Rose und schließlich auf dem Flügel. So verbindet sie drei Ebenen: Flotows Oper → Liebesbeziehung Martha/Nancy → Erinnerung des Zuschauers. Besonders schön ist deshalb Ihr Schlussbild mit Rose und Klavier. Wenn Nancy die Klappe schließt und die Rose zurückbleibt, muss die Symbolik nicht mehr erklärt werden.
Kurz-Diskurs zur Dramaturgie
Ihre Formel Akt I: Projektion → Akt II: Irritation → Akt III: Erkenntnis ist grundsätzlich sehr tragfähig. Diese filmische Dramaturgie ist noch durch einen vierten Begriff zu ergänzen: Nachspiel: Destabilisierung. Denn die finalen Breaking News zerstören die gerade gewonnene Sicherheit erneut. Damit ergibt sich: I. PROJEKTION Lyonel sieht, was er sehen möchte. II. IRRITATION Bilder tauchen auf, die nicht zu seiner Konstruktion passen. III. ERKENNTNIS Er erkennt den Produktionsmechanismus hinter „Martha“. NACHSPIEL: DESTABILISIERUNG Er – und mit ihm der Zuschauer – muss erkennen, dass auch diese Erkenntnis möglicherweise nur vorläufig ist. Das ist dramaturgisch stärker als ein simples „Martha war in Wahrheit ganz anders“.
Akt I: Das Bild wird geglaubt Der erste Akt benötigt eine subjektive Perspektive. Der Zuschauer soll zunächst denselben Fehler machen wie Lyonel. Wir sollen Martha glauben. Erst später erfahren wir, dass Nancy mit dem Smartphone danebenstand. Das ist filmisch entscheidend. Würde man schon beim ersten Kirchenbild die Kamera oder Nancy zeigen, wäre die Konstruktion sofort durchschaubar und Akt III hätte keine Enthüllung mehr.
Akt II: Zwei Bilder passen nicht zusammen Die Aufgabe des zweiten Aktes ist nicht, bereits die Wahrheit zu erzählen. Er soll Dissonanz erzeugen. Kirchen-Martha und Party-Martha existieren plötzlich nebeneinander. Lyonel versucht zunächst, daraus eine eindeutige Antwort zu gewinnen: Welche davon ist die echte Martha? Aber genau diese Frage führt in die Irre. Denn vermutlich sind beide echt und beide inszeniert. Die Irritation entsteht deshalb weniger aus einer moralischen Enthüllung als aus der Erkenntnis: Ein Mensch passt nicht in das Bild, das ich von ihm angefertigt habe. Das ist ein erheblich modernerer Konflikt.
Akt III: Das Bild bekommt einen Rahmen
Die stärkste dramaturgische Operation des dritten Aktes ist deshalb nicht die Party und auch nicht der Kuss. Es ist das Bild: Nancy filmt Martha. Denn plötzlich bekommt das bisherige Bild einen Rahmen. Nancy filmt Martha dabei, wie Martha betet. Das ist filmtheoretisch ein großer Unterschied. Das vermeintlich unmittelbare Ereignis wird zum hergestellten Medienereignis.
Das eigentliche Scheitern Lyonels
Ihr wichtigster dramaturgischer Gedanke steckt für mich in Ihrer Formulierung: Lyonel scheitere schließlich beim Versuch, sich selbst zu belügen. Denn damit gibt es zwei spiegelbildliche Identitätskonstruktionen: Margot konstruiert Martha. Lyonel konstruiert Sascha. Aber ihre Motive unterscheiden sich. Martha erschafft ein öffentliches Profil. Lyonel erschafft Sascha, um in Marthas Welt eindringen zu können. Damit wird er am Ende tatsächlich selbst zum Opfer jenes Systems, das er zunächst benutzt hat. Er wollte Martha hinter ihrer Maske finden und hat dafür seine eigene Maske geschaffen. Die bittere Frage lautet deshalb nicht nur: „Wer ist Martha?“ sondern ebenso: „Wer ist Sascha inzwischen?“ Und schließlich: „Wo ist Lyonel geblieben?“ Das gibt der scheinbar leichten Profilbild-Idee eine tragische Dimension, die der Musik angemessen ist.
Die Breaking News als Schluss
„In zwei Wochen wird Martha heiraten – einen alten Freund“ ist gerade deshalb wirkungsvoll, weil die Information scheinbar allem widerspricht, was Akt II und III gerade etabliert haben. Der Zuschauer glaubte, nun endlich Bescheid zu wissen: Martha ist Margot. Margot liebt Nancy. „Martha“ war eine Rolle. Lyonel hat sich in eine Konstruktion verliebt. Und dann: BREAKING NEWS Plötzlich reicht auch dieses Erklärungsmodell nicht mehr. Wer ist der „alte Freund“? Ist die Nachricht wahr? Ist die Hochzeit Teil einer weiteren Inszenierung? Was bedeutet sie für Nancy? Und warum veröffentlicht ausgerechnet Nancy diese Nachricht? Der Film beantwortet das nicht mehr. Das halte ich für richtig. Denn damit vollzieht der Zuschauer am Schluss genau das, was Lyonel während des gesamten Films getan hat: Er versucht sofort, aus einer einzelnen Nachricht eine vollständige Geschichte zu konstruieren.
Ein letzter dramaturgischer Punkt: Martha produziert Authentizität. Lyonel konsumiert sie. Nancy produziert sie teilweise mit. Lyonel wiederum produziert Sascha. Und schließlich produziert der Film selbst Bilder von all diesen Figuren. Damit kommt noch eine weitere Ebene hinzu: Der Zuschauer sitzt vor einem Bildschirm und betrachtet einen hyperrealistischen KI-Comic über einen Mann, der vor einem Bildschirm sitzt und einer künstlich konstruierten Frau glaubt. Das passt außergewöhnlich gut zu Ihrer Entscheidung für den hyperrealistischen Comic. Denn auch diese Ästhetik fragt permanent:
Ist das noch Abbild – oder schon Konstruktion? So betrachtet wäre die KI-/Comicform nicht nur eine praktische Produktionsentscheidung, sondern selbst Bestandteil der Aussage des Musikfilms. Und genau darin liegt meines Erachtens der stärkste Gegenwartsanspruch von „MARTHA“: Flotows alte Verwechslungskomödie wird nicht einfach modernisiert. Aus dem historischen „Ich verkleide mich als jemand anderes“ entsteht die heutige, erheblich unbequemere Frage: „Wie viel von dem Menschen, den ich im Netz liebe, habe ich eigentlich selbst erschaffen?“
*****
Mag der Himmel Euch vergeben,
Was Ihr an mir Armen tut.
Euer Spiel zerstört mein Leben
Brach mein Herz in Übermut.
Lyonel




































































































