TANNHÄUSER – EINE PATHOLOGISCHE DEMONTAGE

Wenn in der Inszenierung von Romeo Castellucci in der Bayerischen Staatsoper München beim Einsetzen des Pilgermotivs zu Beginn der Ouvertüre von Tannhäuser „Amazonen“ die Bühne betreten, ist die Wagner-Welt noch in Ordnung. Ebenso, wenn bei den folgenden Venus-Klängen von diesen pfeilschnell und genau zur Musik, durchchoreographiert zuerst auf ein projiziertes Auge und dann auf ein Ohr geschossen wird – Liebespfeile auf empfängliche Sinnesorgane, über die dann Tannhäuser in den Schnürboden der Lust hoch turnt.

Mit Erscheinen der Venus in „Mega-Willendorfscher Dimension“ versinkt „Bacchantisches“ sofort in Fleischesunlust (- der gelernte Wagnerianer denkt dabei an die alten, bunten Bilder von Liebigs Fleischextrakt). Angesichts dieses „Fleisch-gewordenen“ Venusbergs sollten auch die Letzten im Publikum verstanden haben, warum der minnigliche Sänger genug von den „Reizen“ seiner Liebesgöttin hat und sich lieber dem Pfeilhagel des ihm folgenden Amazonenschwadrons von Kollegen Amor ausliefert. Dass Frau Venus auch anders kann vermittelt stimmlich vorzüglich Elena Pankratova. Kein Wunder jedenfalls, dass Tannhäuser bei seiner Ode tönt, als hätte sich Tamino in den Berg der Venus verirrt – Klaus Florian Vogt klingt speziell in dieser Rolle manchmal fast lyrisch fragil, ist aber keinen Moment gefährdet unterzugehen – ab und an würde man sich eine heldischere, samtigere Färbung wünschen und nicht dieses „knäbische Timbre“, wenngleich er die immer extrem direkt geführte Stimme bewundernswert sicher zum Einsatz bringt.

Selbst die Wiederkehr der Pfeilmädchen samt Bühnenross mittig in selbiger drapiert in einer Art Liebesgrotte, kann den kühnen Sänger nicht von seiner Rückkehr in die Wartburgwelt abhalten. Dort wird er auch von seinen Sängerkollegen mit Pfeil und Bogen  – diesmal sind es Jagdgeräte und später im 2. Akt Waffen-  empfangen, ja wie eine Beute in die Burg gebracht.

Auch der 2. Akt ist schlüssig und entwickelt sich ebenfalls in einer fließenden, permanenten Metamorphose – diesmal in Form sich bewegender Vorhänge. Es gab wohl noch nie so viele Vorhänge während eines Stücks noch vor dem Schlussapplaus. Manchmal rotieren sie wie tanzende Derwische wunderbar auf die Musik abgestimmt über der sonst eher statisches Szene. Zuckende fleischliche Körper und Pfeilmädchen vermitteln auch in der puritanisch blass beigen Wartburgwelt die Präsenz der Sinnlichkeit. Ohne Pfeile wird diesmal der Bogen

(wie in der Musikgeschichte bekannt) zum Instrument und den Sängern gereicht, die in die Saiten greifen und Tannhäuser das Preislied an die heidnische Göttin entlocken. Dabei wie immer makellos und in alter Bayreuther Diktion der Wolfram von Christian Gerhaher und als „Muster-Landgraf“ wie gewohnt verlässlich Georg Zeppenfeld. Bei der Elisabeth von Anja Harteros wird sehr schnell klar warum alle Vorstellungen ausverkauft sind: … Dich teure Halle „füll“ ich wieder …   Der schlank geführte, exakt wohl tönende Chor tut ein übriges.

2017-05-28 17.24.57

„Der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“

Es gibt wohl kein Werk bei dem der Bayreuther Groß-Meister so wenig von seinem Tun überzeugt war, wie bei seiner Wartburg-Saga – „Er sei der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“ (Zitat R.W. kurz vor seinem Tod) – und so befinden sich mehrere Varianten davon im Köcher der Theatermacher – Stabführer Kirill Petrenko hat sich für die letztgültige Wiener Fassung (die Wagner selbst dort 1875 inszenierte) entschieden und sorgte wie auch sonst zu München für eine sichere orchestrale Pilgerfahrt vom Hörselberg des ersten Akts bis zur Erlösung  (- doch was löst sich?)

Im 3. Akt, nach dem wunderbaren Pilgerchor kippt das Regiekonzept und (zer)stört Alles nachhaltig. Dabei laufen gerade beim berührenden Abendstern und der nachfolgenden Romerzählung Dirigent, Wolfram und der Titelheld zur Höchstform auf, geopfert dem sinnlosen, fehlenden Vertrauen eines Regisseurs in die Tragfähigkeit eines bewährten Stücks und ebensolcher Musik.

„Hagens Körperwelten“ – falsches Stück?

Diese wunderbare Ensembleleistung wird überdeckt durch nervende Schrifteinblendungen zur „Vergänglichkeit“ von einer Sekunde bis zu Milliarden von Milliarden von Milliarden Jahren (Begriffe wir Billiarden, Trilliarden usw. haben sich nicht bis zur Regie durchgesprochen) direkt über den Köpfen der Sänger. Zusätzlich werden hinter den Protagonisten dramaturgisch sinnentleert Leichen in fortschreitenden Verwesungszuständen auf Sockeln mit der Aufschrift „Anja“ bzw. „Klaus“ hin und her chanchiert (- übrigens: Videoprojektion wäre für solch störendes Tun bereits erfunden) – Was will uns dieses Pathologieshow-Schlussbild sagen?

Handelt es sich dabei um einen Hinweis auf die Vergänglichkeit von Besetzungslisten, Theaterzettel, ja des Theaterbetriebs im Allgemeinen? Mit den Intentionen und der Geschichte des Sängers Heinrich Tannhäuser bzw. Wagners Gedanken dazu hat diese Auslegung und Umsetzung rein gar nichts zu tun. Und so bleiben, wie auf der Bühne am Schluss nur Staubhäufchen von dieser Inszenierung übrig. Schade um diesen musikalisch wundervollen und bis zur Rückkehr der Pilger auch sehenswerten Tannhäuser.

Manfred Pilsz

Siehe auch: RWV Linz/OÖ

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