„Die Welt auf dem Parsifal-Monde“

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)  UA

„Three, two, one, zero – We have liftoff“

  • Das Ding fliegt! Warum und wie ist eine andere Sache.

Am Pfingssonntag hob die Festwochenrakete Alpha 1-8 in der „Regie“ von Chaos-Kapitän Meese im Theater an der Wien ab. Mit an Bord: Stab(s)offizierin und sichere Steuerfrau Simone Young,

die mit Übersicht von der Brücke aus dafür sorgte, dass es mit dem MutterZschiff nicht abwärZ geht. Für den musikalischen Treibstoff verantwortlich Komponist Bernhard Lang, der Wagnersches Kerosin für Jazzensemble, Synthesizer und das Klangforum Wien aufbereitete.

Als würde eine alte Platte immer wieder hängen bleiben

Das Wagnerzitat „Kinder schafft Neues“ wurde dem Publikum noch schnell rechtfertigend von der Dramaturgie mit auf den Weg gegeben, bevor man das Filetstück der Festwochen 017 – heftigst von diesen gehypt –  auf die Reise schickte. „Affin zur Looptechnik“ von Bernhard Lang werden rudimentäre Wagnermotive im Schnitt 3x wiederholt, was in Verbindung mit den gekürzten und leicht abgeänderten Originaltexten wie stotterndes „Stammeln“ klingt.

Dazu gibt’s per Einblendung Libretto inklusive Erklärung meist kombiniert mit Bruchstücken des Meeseschen Kunstmanifests.

Szenisch wird eröffnet in einer eisigen Mondlandschaft, wo GurnemantZ im Meese-Look (Trainingsanzug Marke Castro) einem Kühlschrank entsteigt (- wenn man der Beschriftung Glauben schenken darf: Eine Art Wohngemeinschaft mit Hagen) Wolfgang Bankl beweist sich nicht nur bei der folgenden Gurnemanz-Erzählung als gepflegter Bassbariton. Gerade hier und später im 2. Akt wirken die dreimaligen Repetitionen nachhaltig einprägsam, wie ermüdend. Kundry, die in jedem Akt „neu erfunden“ wird, darf zu Beginn die Richard-Montur anlegen, Amfortas wird mit einer rotierenden Scheibe, die er sich in Klingsors Sinnensgarten geholt hat auf einem Wellnessthron platziert. Parzefool erscheint natürlich mit einem „Kunsttransparent“ ausgestattet. Satt eines toten Schwans kommt ein roter Drache geflogen, denn Drache hat auch etwas mit Wagner zu tun. Weil aber Fafner keine Federn hat, wird musikalisch noch schnell das Lohengrin-Zitat des „Lieben Schwans“ nachgereicht. Parsifal ist immerhin dessen Vater und überhaupt muss man das in der Meese-Wagnerwelt nicht so eng sehen. Vereinzelte Lacher im Publikum lassen die Frage hoch kochen, ob es sich um eine versuchte Parodie handeln könnte. Aber nein, denn da kennen wir bessere Varianten von der Bayreuther Kinderoper und der dortigen Studiobühne jenseits des grünen Hügels.

Parsifal-Kenner angeblich willkommen – „Weißt du, was du sahst?

Bei Meese handelt es sich laut Ankündigung um eine Space Opera. „Zum Raum wird hier die Zeit“ – Das wird dem geneigten Publikum spätestens an dieser Stelle der Inszenierung klar, wenn Meese himself dazu seine Thesen & Zeichen per Projektion auf eine „Overheadfolie“ pinselt, während digitale Gralsglocken Oktaven tiefer dem Subwoofer entdröhnen.  Die Gralsburg ist (Kinder schafft Neues) Wahnfried – hinter einer Zardoz-Maske (wenigstens einen „Fliegenden Wagnerschädel“ hat man ausgespart). Fast provokant wirkt die Frage von Gurnemanz: „Weißt du, was du sahst?“ Ja: Eine angekündigte Wagner-Dekonstruktion, die allerdings szenisch weitgehend sinnfrei und ohne wirklichen „Unterhaltungswert“ in einer filigranen Collage von Versatzstücken und Personen der Meese-Welt als „Wagner-Experiment“ verbraten werden. Parzefool spielt mit der Holzpuppe Titurel – es könnte aber genauso gut Pinocchio sein. James Bond am „Overhead“, Emma Peel als Texteinblendung, Klingsors Turm ist ein riesiger Strohmann (Wicker Man), Kundry II verführt als Barbarella Parzefool mit einem Indianerkanu, denn dieser wird durch deren Kuss nicht hellsichtig, sondern geht lieber Boot fahren. Die Blumenmädchen singen französisch (angeblicher Kotau vor Judith Gauthier) – wenn schon dann wäre Englisch besser gewesen, zumal Wagner in der Partitur an dieser Stelle notiert: „Amerikanisch sein wollend“ (Bessere Wahl: Das in Linz geborene Schottische Blumenmädchen Carrie Pringle – Parsifal 1882). Der Bandeltanz der Girls um die Strohpuppe verfehlt nicht nur bei Parze-Fools die Wirkung. Untadelig die sängerischen Leistungen von Parzefool: Countertenor Daniel Gloger, der ebenso spielfreudigen Kundry Magdalena Anna Hofmann. Der künstlerische Dank gilt auch Amfortas: Tómas Tómasson und Klingsor Martin Winkler samt all seinen „KlingonInnen“, den Knappen und dem „antiken“ Gralsritterchor.

„Höhepunkt“: 3. Akt Parzefool hat aus dem Excaliburfilm die Goldrüstung entwendet und platzt in den Lang-Film die Nibelungen (Teil 1 & 2), der als Rückprojektion den Background bis Ende des „Karfreitagzaubers“ bietet. Originell, wenn König Etzl  ums Eck schaut bei der Stelle: „Und ich, ich bin’s der all dies Elend schuf“ – Die Antwort lautet: Nein !

Die Einblendung: „K.U.N.S.T überlebt“ hingegen ist völlig richtig und bedeutet, dass Wagner und sein Bühnenweihespiel kein Problem mit Meeses Umdeutung haben, die nach der Wiener UA beklatscht vom gewogenen Festwochenpremierenpublikum, nach einem Aufguss in Berlin hingegen Geschichte sein dürfte. Für einen Neo-Parsifal (allerdings ohne Musik) empfiehlt sich nach wie vor wohl eher das Leinwandepos „Matrix“ … Hier entwickeln sich doch tatsächlich Figuren und Handlung mit einem Bezug zur Vorlage …

Manfred Pilsz

2017-06-04 16.49.23.jpg

 Siehe auch: RWV Linz/OÖ

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s