Sommer im Winterhafen

Wo Donauriese Fafner zwischen Salvador Dali und John Cage ankert                                              … Ein sehr persönlicher Exkurs zur oft sinnlosen „Summer in the City“-Euphorie …

Hafen.JPGIm Cockpit des schwarzgelben Cinquecentos wurden 32 Grad im Schatten angezeigt. Im Autoradio war eben noch eine unglückselige Wetterfee zu hören, die glaubte Zuhörende bedauern zu müssen, da es im Verlaufe der Woche auf 25 Grad abkühlen dürfte und am Abend könnte eine Störungszone, ein Gewitter über Linz hereinbrechen lassen …

Von wegen Störungsfront: Jedes Tief ist ein Hoch für sommergeplagte Eisbären, die nichts sehnlicher wünschen als Abkühlung – und zwar nicht ausschließlich im kühlen Nass. Was bitte ist an Blitz, Donner und Regen falsch, die Abkühlung bringen und endlich wieder für coolen Schlaf in der nächsten Nacht garantieren, in der man nicht auf Schweiß-, sondern kühlen Leintüchern vom „Indiansummer“ im Mühlviertel und flockigen Weihnachten träumen darf? Egal liebe Leute – Wir haben August: Die Tage werden immer kürzer ! Und zu Ferragosto bricht der Sommer – YESSS !!!

DSCN3530.JPGVielleicht wäre es geschickt gewesen, doch etwas früher aufzustehen und gleich loszuziehen, aber Morgenstund hat nicht nur Gold im Mund … Und ab 10 Uhr ist es an „Hundstagen“ halt doch schon so hot, dass man vernünftigerweise gleich warm duschen geht, dann kommt dir nachher die Welt deutlich kühler vor. Vorhänge zu, Rollos runter und Fenster dicht, denn irgendwann und meist sehr bald musst du auch noch den schrecklichen, glühenden Nachmittag überstehen …

Alle immer „Frierenden“ sind beneidenswert, denn sie können sich warm anziehen, mehr essen, einheizen usw., aber was machen sensible Eisbären im Sommer? Klimaanlagen sorgen wie Ventilatoren für Zug, trocknen aus, machen krank und was dann. wenn die Luft steht, es nach Ozon stinkt und das letzte Unterhemd gefallen ist …

Wir haben jedenfalls noch vor dem mittäglichen Sonnenhöchststand einen soliden Schattenplatz fürs Auto am Wasser erreicht und hoffen innerhalb einer Stunde diese fahrbereite „Rettungsboje“ wieder in Betrieb nehmen zu können. Der Ortsname gibt Hoffnung, dass die Übung gelingen könnte: Wir befinden uns am sogenannten Linzer „Winterhafen“! Zu besseren Jahreszeiten haben wir hier neben einem alten Bunker während Linz09 unsere Bond-Parodie Agentin009 in russischer Atmo gedreht – bei Eis und wie so oft sehnlichst erwartetem, leichten Schneefall. Dass dabei kurz vor Drehschluss die Autotür zufiel und man ohne Handy und Jacke auf ein Wunder im Rahmen der derzeit deutlich merkbaren Klimaerwärmung hoffte, erscheint im Hier und Jetzt leider komplett unverständlich.

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Dali-Film (M. Maretka / B. Wenzel) – Foto Ch. Püschner

Das nahe Hotel Donauwelle spendet dreiseitig segensreichen Kernschatten seinem, nur zur Donau hin offenen Innenhof – oftmalig als Oase genutzt, so auch beim Dreh zum Dali-Film, der einstens im Juni über die Bühne gehen musste, um so dem „Spanischen Flair“ gerecht zu werden. Wenige Jahre davor wurde hier in unmittelbarer Nähe zum Hotel in  einem „Möbelhaus“ ein Druck des katalonischen Malers aus dessen „Tristan-Zyklus“ erstanden und eine spezielle Vorliebe für den Wagner-affinen Surrealisten entwickelt. Für gediegene Filmdrehs im Hafen spricht eine wild schroffe Industrielandschaft und die, für die Stadt eher doch ungewöhnliche Ruhe. Ein „Piratenschiff“ aus Holz mit Aufbauten und eingeholten Segeln steht hier neben modernen Hausbooten, die um zahlungskräftige Mieter im Schatten kleiner Büro- und Wohnhochhäuer im neuen Linzer In-Viertel werben. Nicht von ungefähr fand in diesem Umfeld der Linz09-Intendant eine zweite (oder weitere) Heimat. Unzählige Boote unterschiedlichster Provenienz, Größe und Ausstattung schaukeln hier im klaren, grünen Wasser, in dem sich Fischschwärme tummeln – keine Spur von Brackwasser. Hier wurden ungestört durch lästiges Publikum (Laufkundschaft) blutige Sensen vor der Kamera, von Landungsstegen aus in Zeitlupe im Wasser versenkt, oder aber bei kontemplativen Spaziergängen eingehüllt in Musikwolken Brainstormings unternommen, um ein synchrones Konzept für unseren Phil Glass-Film zu entwickeln. Von einer morschen Bank aus, die in schlechteren „Knie-Tagen“ willkommener Rastplatz auf halber Strecke war, sind umliegende kleine Rasenflächen am Ufer zu beobachten, die eines gemeinsam haben: Schilder mit der strikten Aufschrift „Privat“ und hermetisch eingezäunt signalisierten, dass man am besten schnell weitergehen solle, vorbei an zwei bemoosten, verwilderten Brachflächen. Hier animiert auf einem verwitterten Maschendrahtzaun den staunenden Betrachter ein weiteres Warnschild: „Bitte nur mit Tennisschuhen spielen“ – Es mutet wie ein Scherz an. Dieser „Court“ würde wohl bestenfalls, wenn überhaupt ein Grundlinienspiel zulassen und hat ein garantiert längeres Break hinter sich …

2017-06-09 12.30.55.jpgDSCN3540.JPG   … in direkter Nachbarschaft das kleine, einsame Häuschen des Linz09-Intendanten. Das letzte Drittel in Richtung „Landsend“ lässt den Blick über die Werftanlage schweifen,  die im Winter von vielen vertäuten Donaukreuzfahrtpötten verstellt ist. Hier wird dann ausgebessert oder einfach abgewartet bis sich das Hafeneis wieder verflüssigt und die Prospektflut im Frühjahr wieder genug KreuzfahrerInnen an Bord schwemmt. Möwen, Enten und Schwäne streiten sich am spiegelglatten, gefrorenen Parkett an den Futterstellen, die von vermummten Spazierenden betrieben werden. An Land ist das Krachen von Eisstöcken und dumpfes Schimpfen der Verursacher des Lärms auf der Eisbahn des Yachtclubs Nibelungen  zu hören. Obwohl jetzt die dämpfende Schneedecke fehlt, ist es hier nun in der brütenden Hitze des Sommers vergleichsweise beängstigend ruhig. Ab und zu gleitet mit doch eher verhaltener Boxengeschwindigkeit leise ein Motorboot vorbei, oder es tauchen kaum vernehmbar die Blätter eines Ruderboots ins grüne Becken. Ein großer rostiger Anker, auf dem in stumpfen, weißen Lettern der Name „Fafner“ prangt, markiert an der leeren Zufahrtsstraße im Gras den Eingang zum Club. Gehen wir einmal davon aus, dass es sich dabei um keinen Zufall handelt: Es tummeln sich in Wagners Ring des Nibelungen unter anderen als Walhallbaumeister die beiden Riesen Fasolt und Fafner. Ersterer geht bereits in den Wirren von „Rheingold“ unter, während der ihn mordende Bruder, umgeschult auf einen Drachen, das Opfer des kindischen Helden Siegfried wird, der sich Ring, Helm und das restliche, ruhende Kapital bei Fafner mit dem Schwert abholt. Der Anker dürfte allerdings zu einem gleichnamigen, in Korneuburg gebauten Schutenentleerer gehört haben, der mittlerweile zwar nicht die Gestalt, aber seinen Namen geändert hat.  Die Linzer Werft lieferte dazu passend das weicher als bei Wagner geschriebenen Eimerbaggerschiff Fasold, das Ende 80 nicht am Rhein, sondern an der Donau aus dem Verkehr gezogen wurde. Leise tuckert hier selbst das Motorschiff „Pegnitz“ („meistersingerlich“) durchs Hafenbecken …

DSCN9870.JPG  DSCN2534Vorbei am winzigen „Wetterhäuschen“ mit dem nun in der späten Vormittagssonne dampfenden Asphaltbelags der Eisstockbahn, werden auf den letzten Metern vorm Hafenspitz, Erinnerungen an ein Projekt wach: Ein blütenweißes, langes Tuch wird von schwarz gekleideten jungen Leuten in einer Prozession getragen, ins Hafenbecken getaucht und nach dieser Taufe wieder zurück zu Stromkilometer 2131,8 beim Hafeneingang verbracht, wo es über einem Lagerfeuer angeröstet wird, um schließlich mit roter Farbe aus, an dünnen Seilen hängenden Kübeln überschüttet zu werde. Alles nach einem „Rezept“ des amerikanischen Experimentalkomponisten John Cage_ und begleitet vom wachsamen Auge des Dirigenten Wim van Zutphen und einer Polizeistreife, der dieses angemeldete, aber mehr als auffällige Projekt des Brucknerfests verdächtig vorkam. Dieser mythische Ort hätte Cage dem „Meister des Zufalls“ sicher auch gefallen. Welch ein wunderbarer, kreativer Akt, der in Bildern und einem Video festgehalten wurde, in dem auf der zweiten Bildebene tänzerisch die Personifizierung dieses Tuchs in Erscheinung trat. Dabei schien unsere Darstellerin triefnass dem Hafenbecken zu entsteigen, um schließlich vom Feuer bedroht von einem roten Tuch umgarnt zu werden. Ein kleiner, schnuckeliger, Mühl4tler Badesee musste für den ersten Teil dieser Aufnahmen die Untiefen & die Skepsis betreffend Wassergüte und -getier egalisieren.

Die Feuer und Farbsequenz der Szene wurde hingegen am Originalschauplatz hier gedreht, um nicht der Weihe dieses besonderen Orts verlustig zu gehen. So, wie dem grünen Hügel des Gründbergs in Urfahr, wohnt diesem Ort ein unsagbarer Zauber inne – und das Wasser tut ein übriges.

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Cage-Aktion (C. Kreiner)

Landsend, Limes – ein Grenzgang oder Endpunkt wie dieser jene, wird zum Rand der Scheibe  – hier ist die Welt kleiner und noch, oder wieder keine Kugel – ein besonderes Faszinosum. Auch wenn wir in früheren Tagen entlang des Pleschingersees bis zur Mündung des Katzbachs in die Donau vorgedrungen waren, endete für uns Kinder dort beim Pfenningberg immer die Entdeckungsreise in Richtung Schwarzes Meer. Mangels Brücke gezwungen anzuhalten, verharrten wir, wie bei der Ankunft auf einem Gipfel andächtig, um schließlich mit der Gewissheit es wieder einmal geschafft zu haben, zufrieden und mit neu aufgeladenen Batterien freudig den Rückweg anzutreten

Wie damals, als wir das Projekt hier am Hafenspitz mit einer Prozession des fertigen Tuchs zum Brucknerhaus und am nächsten Tag stolz quer durch die Innenstadt begleitet von ORF-Kameras der ZIB2 abschlossen. Am Abend diente es dann im Rahmen des Brucknerfests als Bühnenbild bei der John Cage-Aktion im Brucknerhaus und es gab dabei auch noch das von uns gestaltete Video als Draufgabe. „Bilder hören – Töne sehen“ – Jahre später wurde dann bei Linz09 in der Ausstellung „Augenmusik“ im Foyer über ein Monat lang mittels einer Installation ein Querschnitt durch unser Musikfilmschaffen beim Brucknerfest gezeigt.

Normalerweise gestaltet sich allerdings der Rückmarsch über den Dammkamm bis zum Ausgangspunkt unseres Hafenexkurses eher als Ausweichzickzack zwischen Mountainbikes, sportlichem Laufvolk und begleitenden Hunden, die auch meist als einzige den 09Badestrand bevölkern. Nur wenige Solisten und Kleingruppen verirren sich auf die Schotterbänke, die dort von der Kulturhauptstadt als Freizeittreffs angelegt wurden. Mückenschwärme oder Eiswinde, je nach Jahreszeit, begleiten den einsamen Wanderer, bei seinen Beobachtungen, die ihm die Zeit des Rückwegs verkürzen und von der Beschwernis seines kleinen Hafenausflugs ablenken sollten. Zugewachsene oder eingeschneite, kalte Bänke erhöhen die Chance, dass das angepeilte Ziel: Ein geparktes Auto so, konsequenter und schneller erreicht werden kann.

Manfred Pilsz

Hinweis nur für „Digital Naives“: Worte dieser Farbgebung verstecken Infos, Bilder …, die durch einen linken „Maus-Klick“  aktiviert werden können !

2 Gedanken zu “Sommer im Winterhafen

  1. Pingback: B L U E R O S E – „Alice im Kitschland“ | LEO LOGEs LOGBUCH

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