„Un ballo in maschera 017“ CARNEVALE DI VENEZIA

Die Glocken eines Campanile auf der Höhe des Arsenals sind eben verklungen. Der laute Fischhändler und das Gemüseboot befinden sich im heftigen Morgendialog. Umstehende Kunden versuchen sich hier am kleinen Kanal, der die anschließende Prachtstraße als Überbau enttarnt, durch Zeichensprache und laute Rufe in das Geschehen einzubringen. Gäste des Caffè La Serra nahe des Biennale-Geländes haben sich nach dem Frühstück im kulinarischen Gewächshaus durch die Allee auf den Weg gemacht und biegen soeben in die Via Garibaldi ein. Hier sind die meist älteren Venezianer noch unter sich. Es geht vorbei an kleinen Bars, schmalen Durchgängen und engen Gassen  in denen die nasse Wäsche über den Köpfen in der Brise, die die Morgennebel vertreiben soll flattert. Am Wasser angekommen geht es nun am Ufer über Brücken in Richtung San Marco. Gleich hier nach dem Ende der Garibaldi wird man von ersten Kostümierten begleitet, die sich in Deutsch – oder ist es doch Französisch – unterhalten und sich bei der nun folgenden Kanalquerung die Stufen ersparen, denn der Karneval lässt sich hier barrierefrei an.

Garibaldi kl

Bald vermischen sich nach dem „Arsenal“ die Pilger mit den blassen, hauptamtlichen Kostümträgerinnen , die gleich Wegweisern, meist mit extra weiten Röcken neben den Übergängen platziert sind. Spätestens auf der Höhe des Danieli, wenn die kostümierte Maskendichte nur noch durch das rudelweise Auftreten junger quirliger Japanerinnen überboten wird, fallen die letzten Schutzhüllen standhafter Fotokameras. Ein Model im weißen Seidenkleid, das sich eben noch an einer Laternenstange versuchen durfte, wird direkt vor der Seufzerbrücke in wärmende Decken eingeschlagen. Ein eisiger Wind fegt von der Giudecca herüber, wie das erbarmungslose Motiv der Solovioline in Vivaldis Winter.

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Wie aus einer anderen Welt taucht vom Dogenpalast kommend eine grün leuchtende Frühlingsfee auf mit einer Entourage von Hobbyfotografen im Schlepptau, um diese gleich an einen nur in wenigen Metern Entfernung impulsiv posierenden „Schwarzen Schwan“ abtreten zu müssen. Ein übermütig Eitler möchte sich mit einem Selfie dazwischen drängen und wird von der wütenden Meute verjagt und entschließt sich so den fallen gelassenen Frühling zu beglücken. Das für wenige Momente wieder entblößte Dekollete unseres eben erst erfrorenen „robe blanche“ – Models wird nach einem einsamen Take sofort wieder verhüllt. Die Proteste enttäuschter, rasch herbei gestürmter „Karnevals-Paparazzi“ können daran nichts ändern. Statt dessen blitzte die gefühlte Macht von Vivaldis Eisläufer auf und dieser Kälteschock war dann doch deutlich stärker. Das konnte einen bodenlang gewandeten Kardinal nicht abhalten den Schutz der Arkaden aufzugeben, um sich mit einem jungen  Rotkappenwölfchen ablichten zu lassen, während vom Markusplatz Laufstegmusik im Stile des „Rondò Veneziano“ gespickt mit Moderationsattacken herüber dröhnte. Das ging nicht nur dem exponierten Löwen, sondern auch den Glocken schlagenden, gut geeichten  „Mauren“ an die Ohren.

P1060870Beim Dogen

Die Menge der vor dem Caffè Florian Wartenden hat ungeachtet dessen derweilen die Warteschlange der touristischen Dom-Aspiranten übertroffen. Die Tische am Platz davor sind längst von dominanten Möwen besetzt, während sich die anonyme Schar der Tauben mit ebensolchen Masken um beste Foto- und Futterplätze zwischen den Manufaktur-Hütterln bis Aschermittwoch einen erbitterten, immer heftigeren Kampf liefert. Dann heißt es: „Carne vale“ – „Fleisch lebe wohl“ –  zumindest für die nächsten 40 Tage – bevor die Ostertouristen die Lagune erobern …  Und so ist es nun Zeit für einen Besuch in Wagners „Vendramin“ oder im „Teatro La Fenice“ …  Die „Narren“ sind längst gegangen – bis zum nächsten CARNEVALE DI VENEZIA …

Manfred Pilsz

Venedig Volksblatt

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2 Gedanken zu “„Un ballo in maschera 017“ CARNEVALE DI VENEZIA

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